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  • 20. Januar 2022, 01:01:53

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Autor Thema: Stipendium vs. Haus-/Drittmittelstelle - Finanzierung der Promotion  (Gelesen 2976 mal)

Mephisto

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Da in unserem Forum viele Chemiestudenten unterwegs sind, möchte ich das Thema "Finanzierung der Promotion" behandeln. Je nach Anklang können wir das Thema Karriere im weitesten Sinn öfter im Forum behandeln.

Der folgende Text soll die finanziellen Einkünfte im Vergleich zwischen einem Stipendium und einer Haus- bzw. Drittmittelstelle näher beleuchten. Ich selbst arbeitete während meiner Zeit an der Universität sowohl auf einem Stipendium, als auch später auf einer Hausstelle, welche durch Drittmittel finanziert wurde. Die Erfahrungen meiner Kollegen und Kommilitonen flossen in den Fallbeispielen mit ein. Alle Einkommen sind real.

Fallbeispiel A: Anton beendet sein Chemie-Studium erfolgreich mit der Note 1.2
  • Er bewirbt sich erfolgreich auf das Stipendium des "Fonds der Chemischen Industrie"
  • Als Doktorand erhält Anton 1600 € steuer- und sozialabgabefrei im Monat*
  • Anton ist weder sozial-, kranken-, noch rentenversichert.
  • Eine private Krankenversicherung ist mit 98 € pro Monat für Anton günstiger als die gesetzliche KV, da er unter 30 Jahren ist (2010).

Fallbeispiel B: Bernd beendet sein Chemie-Studium erfolgreich mit der Note 1.6
  • Nach erfolglosen Stipendienanträgen erhält er eine 2/3 Drittmittelstelle
  • Als Doktorand erhält Bernd 1324 € netto nach TV-L 13 West, 66%, ohne Kirchensteuer (2010)
  • Bernd ist sozial-, kranken-, und rentenversichert; Bruttoeinkommen: 2023 €
  • Zusätzlich hat er durch die VBL (zwangsweise) eine Rentenzusatzvorsorge
  • Nach 2 Jahren erhöht sich das Nettoeinkommen von Bernd auf 1500 € (Stufe 2, 2012)

Beide beenden ihre Promotion zügig nach 3 Jahren.

Beide suchen 4 Monate nach einem Job.

  • Anton hat in dieser Zeit kein Einkommen und lebt von seinen Ersparnissen. Er beantragt kein Hartz IV. Er hat keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld I.

  • Bernd bekommt 916 € Arbeitslosengeld I pro Monat für max. 1 Jahr.

Beide bewerben sich für eine zweijährige Postdoc-Stelle an einem der zahlreichen vom Bund finanzierten Forschungsinstitute der Helmholtz-Gemeinschaft, der Fraunhofer-Gesellschaft, der Max-Planck-Gesellschaft oder der Leibniz-Gemeinschaft.

  • Anton beginnt mit einem Einkommen von 3271 € brutto bzw. 1942 € netto (TV-L 13, Stufe 1)
  • Er zahlt zum ersten Mal Rentenbeiträge und besitzt jetzt eine Rentenzusatzvorsorge

  • Bernd beginnt dieselbe Stelle wie Anton mit 3824 € brutto bzw. 2189 € netto (Stufe 3), da er bereits 3 Jahre Berufserfahrung im öffentlichen Dienst vorweisen kann.

Fazit: meiner persönlichen Meinung nach ist ein Stipendium eher etwas für den Lebenslauf, als für das Portemonnaie. Bei näherem Hinschauen ist der Stipendiat 4-fach benachteiligt: 1. keine Arbeitslosenversicherung, 2. keine Rentenversicherung, 3. keine Anerkennung der Tätigkeit an der Universität als Berufserfahrung im öffentlichen Dienst, 4. daher wiederum geringere Einkünfte und wiederum geringere Rentenbeiträge im Postdoc-Job (hier: öffentlicher Dienst).

Der größte Vorteil eines Stipendiums, nämlich die Steuer- und Sozialabgabefreiheit, ist zugleich auch der größte Nachteil, wenn der Stipendiat selbst Sozialleistungen benötigt. Darüber macht man sich als junger Mensch, der gerade seine Diplom- oder Masterarbeit beendet, keine Gedanken. Leider bleibt einem meist keine Wahl sich für oder gegen ein Stipendium zu entscheiden. Es empfiehlt sich daher nicht, sich auf die Gruppe eines Lieblings-Professors zu versteifen, sondern sich bei verschiedenen Forschungsgruppen auf Promotionsstellen zu bewerben.

* Dieses Stipendium wurde im "Jahr der Chemie" von 1400 € auf 1600 € erhöht, aber nur 2 Jahre bewilligt. Der Einfachheit halber verzichtete ich im Beispiel auf eine weitere Stipendienbewerbung.
"Every breath you take, Every move you make,
Every bond you break, Every step you take,
I'll be watching you" - The Police


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