LambdaForum Willkommen Gast. Bitte einloggen oder registrieren.
Haben Sie Ihre Aktivierungs E-Mail übersehen?
06. Juli 2008, 22:34:55
News: Die Forums-Sektion Feierabend ist nach einer Registrierung zugänglich.
 
Seiten: [1]   Nach unten
  Drucken  
Autor Thema: Kupferseide -Kupferviskose - Schweizer's Reagenz  (Gelesen 552 mal)
Hyperion
Administrator
*****

Karma: 0
Beiträge: 84


Gaia's Nachwuchs


« am: 31. Januar 2008, 04:30:48 »

Cellulose, die haeufigste organische Verbindung auf Planet Erde, kommt in der Natur eher als kurze Faeden vor (siehe Baumwolle) und war oft fuer industrielle Prozesse also solches nicht nuetzlich. Daher wurden seit Jahrhunderten schon Moeglichkeiten gesucht, Cellulose aufzuloesen, um sie als unendlich-Faden wieder zu regenerieren.
Eine solche Moeglichkeit besteht mit Schweizer's Reagenz, welches eine Loesung aus Kupferhydroxid und Ammoniak ist (Kupfertetraamin-hyrdroxid). Dieses loest Cellulose durch Chelat-Bildung/Komplexierung auf, siehe folgende Strukturen:

* struktur_cellulose.gif (3.08 KB. 415x189 - angeschaut 50 Mal.)

Das vierwertig koordinierte Kupfer ersetzt dann die Wasserstoffe an den 2,3 Position der Zellulose, und zerstoert daher die quasi-kristalline Struktur der Cellulose, und bringt sie auf diesem Wege in Loesung:

* struktur_kupferseide.gif (4.89 KB. 447x366 - angeschaut 63 Mal.)


Experimentell

  • Herstellung von Kupferhydroxid: 50 g Kupfersulfat-hydrat werden in 200 ml H2O aufgeloest. Zu diesem wird unter gutem Umruehren eine kuehle Loesung von 16 g NaOH in 200 ml dazugegeben. Kupferhydroxid Cu(OH)2 faellt als himmelblaues Prezipitat aus, welches abgefiltert wird und darauf mit destilliertem Wasser gewaschen wird. Reaktionsgleichung: CuSO4 + 2 NaOH Pfeil nach rechts Cu(OH)2 + Na2SO4
  • 140 ml konzentrierter Ammoniak (~25%) wird dann mit dem solidem Hydroxid versetzt, welches sich unter stetigem Umruehren schnell aufloest und eine tief-blaue Loesung formt. Dies ist das Kupfertetraamin-hydroxid (Cu(NH3)4(OH)2)
.
  • Zu diesem wurde dann Baumwollwatte (10-15 g) direkt von der Drogerie dazugeben, und ueber mehrere Stunden unter gutem Umruehren im Schweizers Reagenz aufgeloest. Der chemische Prozess dahinter ist oben gegeben. Die Loesung wurde stark viskos, und trueber, was an der unvollstaendigen Aufloesung der Cellulose liegt. Industrielle Loesungen sind in diesem Zustand klar. Die Stoichiometrie von Cu2+ zu einem Glukose Monomer liegt bei 1:1, die theoretischen loesbaren Mengen koennten anhand dessen ausgerechnet werden. [/i]
    • Diese hoch-viskose Loesung (siehe Bild, dieses Roehrchen liegt auf der Seite und die Loesung breitet sich kaum aus)

      * Kupferseide_viskositaet.jpg (48.34 KB. 973x890 - angeschaut 24 Mal.)

      wird abgefuellt

      * Kupferseide_giessen.jpg (50.96 KB. 734x993 - angeschaut 29 Mal.)

      und in 1-1.5 l 10% Schwefelsaeure (mit einer 50 ml Spritze) als dicker Faden eingespritzt.

      * Kuperseide_inH2SO4_1.jpg (176.53 KB. 1200x1046 - angeschaut 31 Mal.)

      * Kuperseide_inH2SO4_2.jpg (108.53 KB. 946x1220 - angeschaut 27 Mal.)

      Nach einer Weile entfaerbt sich der Faden, er nimmt eine ausserordentliche Konsistenz an. Aussen ist der Faden fast hart, und transparent, wohingegen in dem Faden noch weitere blaue Tetraamin-Cellulose rausgedrueckt werden kann.

      * Kuperseide_inH2SO4_3.jpg (46.04 KB. 766x1074 - angeschaut 37 Mal.)


      Diese klaren Faeden wurden dann rausgenommen, und zum trocknen ausgelegt. Es formten sich harte dicke Cellulosestuecke, welche ganz eindeutig nicht zur Textilienherstellung geeignet waren.  ätsch!
    Viele Komplex-Reagenzien wurden inzwischen gefunden, welche Cellulose aufloesen:


    * Cellulose_solubility.gif (8.05 KB. 556x263 - angeschaut 48 Mal.)


    Da bleibt noch viel Raum zum Experimentieren! Auch waere es interessant, zB andere poly-Zucker auszuprobieren, zB Staerke, Methylcellulose (nat. muessen Pos 2&3 frei sein), vielleicht sogar polyvinylalkohol?




    Quelle: http://diefoergs.de/Kap3/3.2.html, http://diefoergs.de/start.html - sehr gut & ausfuehrlich, meines Wissens die einzige Seite die die chemischen Aspekte erklaert.
    http://www.woodrow.org/teachers/chemistry/institutes/1986/exp31.html (englisch)

Anhänge Vorschaubild(er):
« Letzte Änderung: 03. Februar 2008, 05:56:08 von Hyperion » Beitrag melden   Gespeichert
Mephisto
Chemicus Diabolicus
Administrator
*****

Karma: 0
Beiträge: 222



WWW
« Antworten #1 am: 02. Februar 2008, 23:18:08 »

@Hyperion: Klasse! Die Beschreibung gefällt mir sehr gut. Diese Informationen über Kupferseide findet man nicht mal bei Wikipedia.

Als kleiner Junge habe ich auch versucht Kupferseide herzustellen; bei mir fiel die Cellulose aber nur als Flocken anstatt als Faden aus. Schön Jahre später gerade hier zu lesen wie es richtig gemacht wird.

Diese klaren Faeden wurden dann rausgenommen, und zum trocknen ausgelegt. Es formten sich harte dicke Cellulosestuecke, welche ganz eindeutig nicht zur Textilienherstellung geeignet waren.  ätsch!
Das wär's doch: die Fasern selber herstellen, eine Strickjacke daraus stricken und am besten noch mit selbst hergestellten Farbpigmenten färben. Selbst ist der Chemiker Grin
Beitrag melden   Gespeichert

"Every breath you take, Every move you make,
Every bond you break, Every step you take,
I'll be watching you" - The Police
Hyperion
Administrator
*****

Karma: 0
Beiträge: 84


Gaia's Nachwuchs


« Antworten #2 am: 04. Februar 2008, 01:59:29 »

Ja, ich war auch schwer von der verlinkten Seite beeindruckt. Habe ueber die Jahre schon einigemale nach einer Erklaerung fuer Kupferseide gesucht, aber nie chemische Details gefunden. Der Herr Foerg hat diese alte Frage fuer mich beantwortet Smilie

Was ich oben nicht erwaehnte - echte, industrielle Kupferseide untergeht noch einiger Zusatzschritte bevor sie in Schwefelsaeure ausgesponnen wird (siehe auch hier ):

Die Kupfer-tetraamin Celluloseloesung wird direkt nach Aufloesung der Cellulose mit NaOH umgesetzt, wobei sich ein 4-wertig koordinierendes Kuprat bildet:

* Normannsche-Verbindung.gif (5.42 KB. 483x341 - angeschaut 16 Mal.)

Dieses ist unloeslich, und faellt aus (Blaufilm). Sie wird nach dem Entdecker als Normannsche Verbindung bezeichnet.
Wenn das Prezipitat in dest. Wasser eingelegt wird, loest sich das Natrium in der Loesung, und Cupricellulosat, ein türkisfarbener Film, scheidet sich aus (Grünfilm).

* Cupricellulosat.gif (4.12 KB. 453x286 - angeschaut 9 Mal.)

Dieses wird dann in ein Bad starker Schwefelsaeure gesprueht, und regeneriert, als Cellulosefaden welches eine andere andere Struktur aufweist (H-Bruecken sowohl inter- als auch intramolekular) als natuerliche Cellulose.

* Cellulose_regeneriert.gif (5.59 KB. 580x377 - angeschaut 11 Mal.)


Vielleicht waere das mal ein interessantes Projekt zum ausprobieren, und zum dokumentieren; meines Wissens bestehen keinerlei photographische Dokumentationen sowohl im englischen also auch deutschen Internet.
Auf geht's, neue Members, zeigt euer Potential Zunge


PS auch waere derartig regenerierte Cellulose fuer die Herstellung von Zellulosenitrat interessant, ich schaetze dass hier die Nitrierungs-effizienz besser sein duerfte im Vergleich zur quasi-kristallinen natuerlichen Cellulose. Zb, wie Mephisto erwaehnt, einfach die Kupfertetraamin Cellulose direkt in H2SO4 giessen, und hart verruehren so dass die Partikel so klein wie moeglich sind.

Anhänge Vorschaubild(er):
« Letzte Änderung: 04. Februar 2008, 02:34:24 von Hyperion » Beitrag melden   Gespeichert
Seiten: [1]   Nach oben
  Drucken  
 
Gehe zu:  

Powered by MySQL Powered by PHP Powered by SMF 1.1.4 | SMF © 2006, Simple Machines LLC

Prüfe XHTML 1.0 Prüfe CSS Dilber MC Theme by HarzeM


Letzter Besuch von Googlebot Heute um 19:31:56